Interdisziplinäres Vorgehen planen

15. Jan 2025,

Der Leitfaden für Promovierende

Interdisziplinäre Forschung ist mehr als das bloße Nebeneinander verschiedener Fachrichtungen. Sie entsteht dort, wo die Grenzen zwischen Disziplinen verschwimmen und neue Erkenntnisse gerade durch die Verbindung unterschiedlicher Perspektiven entstehen.

Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, worauf Sie bei der Planung Ihres interdisziplinären Promotionsprojekts achten sollten.

Bild: Austin Diestel
Bild: Austin Diestel


1. Die besondere Herausforderung interdisziplinärer Forschung

Wenn Sie interdisziplinär forschen möchten, bewegen Sie sich oft auf unbekanntem Terrain. Sie verbinden Methoden, Theorien und Denkweisen verschiedener Fachrichtungen – und das bringt besondere Herausforderungen mit sich. 

Sie müssen sich in unterschiedliche Fachsprachen einarbeiten, verschiedene methodische Ansätze verstehen und manchmal auch zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Kulturen vermitteln.

2. Ihre Forschungsfrage interdisziplinär entwickeln

Eine gute interdisziplinäre Forschungsfrage entsteht meist dort, wo einzelne Disziplinen an ihre Grenzen stoßen. 

Zum Beispiel:

  • Wenn Sie die Akzeptanz neuer Technologien untersuchen, brauchen Sie sowohl ingenieurwissenschaftliches Verständnis als auch sozialwissenschaftliche Methoden.
  • Wenn Sie erforschen wollen, wie literarische Texte algorithmisch analysiert werden können, verbinden Sie geisteswissenschaftliche Expertise mit informatischen Methoden.
  • Wenn Sie Geschäftsmodelle für nachhaltige Technologien entwickeln, bringen Sie wirtschaftswissenschaftliche und naturwissenschaftliche Perspektiven zusammen.

Welche Frage werden Sie voraussichtlich interdisziplinär stellen und beantworten wollen?

3. Die richtige Uni und passende Betreuungskonstellation finden

Die Universität muss entweder fachbereichsübergreifend oder sogar ohne Fachbereiche / Fakultäten lehren und forschen. 

Sobald Sie nämlich auf ein Fachgebiet festgenagelt sind, können dort nur Forschungsziele erarbeitet werden, die mit den Methoden des Fachs realisierbar sind! Das ist typisch für die Universitäten und deren Promotionsmöglichkeiten in Deutschland.

Tipp: Suchen Sie nach einer Uni, bei der das Promotionsrecht nicht einzelnen Fakultäten gegeben ist, sondern der Universität selbst! Dies ist z. B. in den Niederlanden und in den meisten anderen Ländern der Welt der Fall.

Für ein interdisziplinäres Promotionsprojekt brauchen Sie mindestens zwei, möglicherweise auch mehrere Betreuer aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Achten Sie darauf, dass diese Personen eigene Erfahrung mit interdisziplinärer Forschung haben und offen für fachübergreifende Ansätze sind.

Klären Sie frühzeitig,

  • wie die Zusammenarbeit zwischen den Betreuern gestaltet wird,
  • welche Promotionsordnung gilt, und
  • wie mit unterschiedlichen Publikationskulturen umgegangen wird.

Oft entstehen die spannendsten Erkenntnisse genau dort, wo verschiedene Fachgebiete zu einer gemeinsamen Lösung beitragen.

4. Methodische Herausforderungen meistern

In der interdisziplinären Forschung gilt es oft, verschiedene methodische Ansätze sinnvoll zu kombinieren. 

Dabei ist es wichtig, dass Sie

  • die epistemologischen Grundannahmen der verschiedenen Methoden verstehen,
  • mögliche Widersprüche zwischen verschiedenen methodischen Ansätzen erkennen und reflektieren, und
  • eine kohärente Methodologie entwickeln, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Welche Methoden Sie genau benötigen werden, lässt sich erst nach Eingrenzung der Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage klären. Wichtig ist, dass Sie mit Methoden Ihres ursprünglichen Fachgebiets vertraut sind, denn dort liegen in der Regel Ihr Start- und Ihr Zielpunkt – die weitere(n) Methoden(n) können Sie dann mit den Experten der anderen beteiligten Fachbereiche in den Blick nehmen.

5. Zeit- und Ressourcenplanung für interdisziplinäre Projekte

Planen Sie für ein interdisziplinäres Promotionsprojekt mehr Zeit und Ressourcen ein als für eine monodisziplinäre Arbeit.

Sie brauchen nämlich zusätzliche Zeit für

  • die Einarbeitung in verschiedene Fachgebiete und ihre Fachsprachen,
  • die Entwicklung einer integrativen methodischen Herangehensweise,
  • die Kommunikation zwischen verschiedenen Betreuern und Fachkulturen, und
  • das Schreiben der Dissertation, das für unterschiedliche Zielgruppen verständlich sein muss: Ihre Betreuer, die Promotionskommission, die Opponenten bei der Verteidigung Ihrer Arbeit.

Denken Sie dabei auch an die Ressourcen, die Sie benötigen:

  • Wer kann Sie bei Ihrem Projekt unterstützen?
  • Welche Ausstattung brauchen Sie?
  • Entstehen Kosten für Reisen oder Equipment?
  • Und vor allem: wie viel Zeit können Sie selbst investieren?

Erfahrungsgemäß ist es sinnvoll, ja sogar notwendig, sich fachliche Expertise auch über die zugewiesenen Betreuer hinaus zu suchen. Denn es ist nicht Aufgabe von Betreuern bei Promotionsverfahren, dir Methoden und Inhalte beizubringen, sondern nur darauf zu achten, dass Sie sie sachgemäß und zielgerecht in Ihre Untersuchung einbringen!

6. Integration verschiedener Forschungskulturen

Jede Disziplin hat ihre eigene Forschungskultur. In den Geisteswissenschaften ist oft das eigenständige Arbeiten an einer Monographie üblich, während in den Naturwissenschaften die kumulative Promotion in einem Forschungsteam der Standard ist. In den Wirtschaftswissenschaften liegt der Fokus häufig auf peer-reviewed Journal-Artikeln.

Als interdisziplinär Forschender müssen Sie einen Weg finden, diese verschiedenen Kulturen zu vereinen! 

Das betrifft

  • die Form der Dissertation (Monographie vs. kumulative Promotion),
  • die Art der Veröffentlichungen,
  • die Arbeitsweise (Einzelarbeit vs. Teamarbeit), und
  • die Kriterien für wissenschaftliche Qualität.

Da Sie ja in einem Fachgebiet starten werden, werden die dort herrschenden Erwartungen und Vorgaben voraussichtlich für die gesamte Forschungsarbeit gelten. Es gibt inzwischen aber auch erste und noch sehr wenige explizit auf interdisziplinäres Forschen ausgerichtete und dafür sogar ausgestattete Institute, die dann möglicherweise genau dafür ausgestaltete Vorgaben machen.

Recherchieren Sie daher im Vorfeld parallel zur ersten Entwicklung Ihres Forschungsvorhabens nach Universitäten oder universitären Einrichtungen, bei denen Ihr interdisziplinärer Weg begrüßt und gefördert wird!

7. Vernetzung und wissenschaftliche Kommunikation

Suchen Sie sich frühzeitig ein Netzwerk von Menschen, die ebenfalls interdisziplinär arbeiten. Das können sein:

  • andere Promovierende in interdisziplinären Graduiertenkollegs,
  • Forschende in interdisziplinären Forschungszentren,
  • Teilnehmende an fachübergreifenden Konferenzen.

Lernen Sie dabei, wie Sie Ihre Forschung für verschiedene Zielgruppen verständlich kommunizieren können. Sie werden Ihr Projekt sowohl Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen als auch einem breiteren Publikum erklären müssen, und zwar von Beginn an und nicht erst nach Fertigstellung!

8. Chancen der interdisziplinären Forschung

Es ist angesichts der erhöhten Aufwände eines interdisziplinären Vorhabens enorm wichtig, sich selbst immer wieder vor Augen zu halten, worin der Mehrwert für einen selbst bestehen wirst.

Trotz aller Herausforderungen bietet interdisziplinäre Forschung nämlich einzigartige Chancen:

  • Sie können neue Perspektiven zu bereits bekannten Problemen entwickeln.
  • Sie lernen verschiedene wissenschaftliche Kulturen kennen und verstehen.
  • Sie entwickeln eine besondere Form der wissenschaftlichen Kreativität.
  • Sie qualifizieren sich für Tätigkeiten, die Brückenbauer zwischen verschiedenen Fachgebieten erfordern.

Interdisziplinäre Promotionsprojekte sind anspruchsvoll, aber lohnend. Sie erfordern mehr Zeit, mehr Flexibilität und mehr Kommunikationsfähigkeit als rein disziplinäre Projekte. Dafür eröffnen sie die Chance, wirklich Neues zu schaffen und Grenzen zwischen Disziplinen zu überwinden. Und: 

Sie selbst lernen dabei einfach noch mal viel mehr als bei einem monodisziplinären Forschungsprojekt!

Nehmen Sie sich für die Planungsphase ausreichend Zeit und stellen Sie sicher, dass Sie die nötige institutionelle Unterstützung haben. 

Mit einem gut durchdachten Plan und der richtigen Betreuungskonstellation kann Ihr interdisziplinäres Promotionsprojekt zu einer bereichernden wissenschaftlichen Reise werden.

Beim Start in Ihr interdisziplinäres Forschungsabenteuer wünsche ich Ihnen viel Erfolg!


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